1937
Aus einem Brief
des Komponisten Rolf Liebermann
»Liebe einzig Geliebte,
Du hast auf Deiner Karte den richtigen Ausdruck für die Situation gefunden. Das muss anders werden. Im folgenden ein ernster Vorschlag, den Du mir bitte sofort beantworten wirst: Die Bärentatze hatte in Basel einen riesigen Erfolg der leider mehr Presse- und moralisch war als finanziell. Solche jungen Läden müssen sich eben durchsetzen bevor sie rentieren. Wir sind ein Kollektiv haben aber vorgesehen als Kollektiv Gäste zu fixen Gagen zu engagieren. Wenn Du zusagst krieg ich das schon durch. Du müsstest aber Schweizerin werden, sonst kriegst Du (abgesehen von allem) sowieso keine Bewilligung.
Das Problem ist aber eben heute diskutierbar, weil Du sicher für diese Saison und nächstes Jahr untergekommen bist und Deine Existenz hast. Natürlich entspricht sie nicht Deinem deutschen Standard, dafür verdienen wir aber beide. Überleg Dir gut, es ist ein entscheidender Einschnitt, es ist die Aufgabe der deutschen Karriere, ein beinahe Neuanfangen, allerdings mit vielen Möglichkeiten.
Ich hab mir's lang überlegt bevor ich Dir schrieb, denn ich diskutiere dieses Problem schon zwei Monate. Aber ich glaube, dass für Dich hier immer etwas zu machen sein wird, auch wenn die Bärentatze schief geht. Ich bin heute so drin, dass ich für Dich optimistisch bin, immer unter der Voraussetzung der Änderung der Nationalität. Allein die schweizerische Filmproduktion könnte Dich abgesehen von allem, ernähren [...]«
Al berichtet weiter über seine eigenen Tourneepläne, und schließt den Brief, gespickt mit fünf Zeilen langen Beschwörungsformeln:
»Das Zusammenarbeiten wäre schon sehr schön und höchste Zeit [...]
Kuss Rolf«
All seine Beschwörungsformeln nützen nichts, sie blieb in Deutschland und bekam sechs Jahre später wohl aufgrund dieser Briefwechsel (Rolf Liebermann war Jude) Auftrittsverbot und Reisesperre wegen ›undeutschen Betragens‹.