1969
Auftritt in Peter Zadeks TV-Zweiteiler
Der Pott
Seit dem Ende der 1960er Jahre machten etliche bundesdeutsche Regisseure von sich reden, die eine schroffe Abkehr von herkömmlicher Theater- und Filmästhetik betrieben man denke nur an Rainer-Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff, Rosa von Praunheim oder Peter Zadek. Im Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962 hatten sich bereits junge Filmschaffende für einen "neuen deutschen Film" ausgesprochen und sich für eine Abkehr vom kommerziellen Film stark gemacht: "Opas Kino ist tot!" hieß es.
Gerade Künstler, welche durch die Kommerzialisierung des Kulturbetriebs berühmt geworden waren, versuchten nun durch Zusammenarbeit mit jungen deutschen Regisseuren der Enge zu entfliehen, in die sie durch das Festgelegtsein auf "ihre Schiene" und ihre einstige übergroße Bekanntheit geraten waren. Für Karlheinz Böhm, Brigitte Mira und Evelyn Künneke erfüllte sich dieser Wunsch.
Auch Lale Andersen seufzte in ihren Tagebüchern bisweilen über ihr Schlagerjoch und wünschte sich, einmal unter einem Regisseur wie Zadek zu spielen. Tatsächlich besann sich ebendieser kurze Zeit später auf sie und ermöglichte ihr einen Kurzauftritt in seiner Verfilmung von Sean O'Caseys Theaterstück "Der Pott" ("Der Preispokal" = The Silver Tassie, 1928). Darin spielt sie die Rolle einer truppenbezaubernden Sängerin, zu der die Soldaten aufschauen und denen sie zum Durchhalten ein weiches Liedchen mit dem harten Text "Tragt sie sanft" singt. Nachdem sie gesungen hat, ist in den abgeschlafften Feldtrupp wieder Leben zurückgekehrt: mit ermunternden Armbewegungen stachelt sie sie auf. Dann geht der Krieg weiter.
In seinen zur Jahrtausendwende im Rowohlt-Verlag erschienenen Lebenserinnerungen hat Regisseur Peter Zadek geäußert, daß es ein sehr angenehmes Arbeiten mit Lale Andersen gewesen sei, doch habe sie wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, wie sehr sie sich mit ihrer Filmszene selber exponierte.
Zadek tut ihr damit durchaus Unrecht. Man merkt an Lale Andersens Auftritt und ihrer feinen Spielweise, daß ihr inzwischen sehr wohl bewußt wurde, welche Schraube sie selbst (anfangs vielleicht unfreiwillig) im Kriegsgetriebe war. Der Film zeigt es auch unmißverständlich: In einem Abendkleid als Umsäuslerin der Truppen, behechelt von Soldaten wie Hunde, lächelnd und singend von Grausamkeiten, die ja gar nicht so schlimm wären und ja doch ihren Sinn hätten, und daß einem "Kämpfer für die Ehre" immer jedes Mädchenherz gehöre... Sie hat sehr wohl verstanden, was sie da singt, und es darum auch einmalig interpretiert: nämlich genau wie eine Sirene, die den Soldaten ein lächelndes Verführergesicht zeigt, zwinkernd, schmelzend, um auf ihre Art zum Weiterkämpfen aufzustacheln und das Sterben als sinnvoll hinzustellen. Mit ihrem weißen Abendkleid und ihrem Kopfschmuck ist sie ein schroffer Gegensatz zu den schmutzigen, im Felde liegenden Kriegern.Diese angebliche Selbstentblößung von Lale Andersen wirkt bei eingehender Betrachtung sogar wie ein Versuch der Wiedergutmachung. Es wäre nämlich die einzige Wiedergutmachung, die überhaupt sinnvoll ist: öffentlich (und sich selbst exponierend) die herangereifte Erkenntnis zeigen und nun für diese Erkenntnis einstehen; notfalls auch mittels einer Karikatur seines eigenen Berufsstandes aus unrühmlichen Zeiten. Doch es kann nur als Karikatur ihres Berufsstandes aufgefaßt werden, statt einer Karikatur ihrer selbst: Lale Andersen hatte genug eigene lebensbedrohliche Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten.
Die harsche Abkehr der jungen deutschen Regisseure von dem Gewesenen hat Zadek, Fassbinder und andere vielleicht fühllos oder geringschätzend gemacht für feinere Arten der Abkehr vom Gewesenen. Für sie galt nur ein harter Bruch und eine absolute Umkehr; nicht herumfeilen, verbessern, abwägen.
An Rainer-Werner Fassbinder sieht man dies: Er wollte mit seinem "Lili Marleen"-Film gültige Aussagen zum allgemeinen Kulturbetrieb in der Nazizeit treffen, also schien ihm ein Verändern der Buchvorlage des Films zulässig. Damit schärfte er zwar genau wie Zadek den Blick fürs Abgrenzen des Schwarzen vom Weißen, übersah dabei aber alle Grau- und Zwischentöne, die der Wirklichkeit gerechter werden und näherkommen.
Das wahrhaft Spannende, nämlich das Verwobensein von Schwarz und Weiß, nahm sich als Leitgedanken erst Gisela Lehrke für ihre 2002 erschienene Buch-Biographie Lale Andersens vor: "Mir war daran gelegen, gerade dieses Bild 'die Nazi-Sängerin' doch zu korrigieren. So einfach ist die Welt nicht. Sie ist auch vor allem nicht schwarz und weiß, wie man bei Lale Andersen sehen kann: Man kann einen Schlager machen, der im Krieg zum Hit wird, und mit einem Terror-Regime in Verbindung gebracht werden, von dem man selber verfolgt worden ist." (Gisela Lehrke am 08.08.2002 in der N3-Nachmittagssendung DAS anläßlich der Buchvorstellung)