Hans-Jürgen Eitner
 
 

(aus: Hitlers Deutsche: Das Ende eines Tabus.
Casimir-Katz-Verlag, Gernsbach 1991.  S. 500)

Die Ästhetik des untergehenden Dritten Reiches drückt sich vielleicht am besten im berühmten Soldatenbraut-Schlager »Lili Marleen« aus, Text 1915: Hans Leip (1893–1983), Musik: 1938: Norbert Schultze (geb. 1911). Diese anfangs vergessene, unverkäufliche Electrola-Schallplatte machte die rauhe Stimme der Chansonsängerin und Kabarettistin Lale = Liselotte Helene Andersen (1910–1972) [sic!] weltbekannt.
 
»Lili Marleen« wird zuerst am 18. August 1941 vom Soldatensender Belgrad ausgestrahlt, dann täglich um 21.57 Uhr zum Zapfenstreich. »Lili Marleen« wird über alle Fronten hinweg berühmt. Es entstehen Versionen in allen Weltsprachen und Musikstilen. »Lili Marleen«, eine Mischung von Landsertum und Liebe, Trennungsleid und Trost, ist tatsächlich ein melodramatisches Lied voller Trauer und Todesahnung auf dem Hintergrund eines Totentanzes (Friedländer*, 36). Das erkennt Joseph Goebbels und verbietet es im März 1944.
 
Vorgreifend: Nach 1945 bleibt »Lili Marleen« internationaler Hit. Lale Andersen, vor allem von Amerikanern begeistert gefeiert, erlebt mit Chansons und Seemannsliedern eine internationale Karriere.
 
(*Friedländer, Saul: Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus. München 1984.)