Ilse Werner
(aus: Berliner Kurier, 12.08.1996)
(»Liebe zu Rolf Liebermann brachte Lale Andersen in höchste Gefahr – ILSE WERNER: Meine Erinnerungen an Babelsberg«)[...] Inzwischen war der Krieg in ein entscheidendes Stadium getreten. Allmählich begann sich das Menetekel der drohenden Niederlage abzuzeichnen. Die Schlacht von Stalingrad war geschlagen, mehr als eine Viertelmillion deutscher Soldaten befanden sich in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Amerikaner und Briten waren in Afrika gelandet. Täglich wurden deutsche Städte bombardiert. Göring, der Meier heißen wollte, wenn ein feindliches Flugzeug es wagen sollte, in das deutsche Hoheitsgebiet einzufliegen, hieß schon lange Meier. Es begann die Zeit, wo ein solcher unbedachter Witz oder ein offenes Wort über die Kriegslage lebensgefährlich sein konnten.
In jener Zeit, als die Lage für die Menschen immer schwieriger wurde, freundete ich mich mit Lale Andersen an. Sie wissen: Die mit der »Lili Marleen«. Das Lied ging um die ganze Welt, und Lale Andersen wurde so sehr damit identifiziert, dass sie manchmal das Gefühl hatte, von dem Song wie von einem Alptraum verfolgt zu werden. Lale war Schauspielerin, bevor sie für das Kabarett entdeckt und Sängerin wurde. Sie stand bei den Machthabern des Dritten Reiches zunächst auf der schwarzen Liste, weil sie einen Mann liebte, der aus rassistischen Gründen in die Schweiz emigrierte. Sie hatte immer wieder berufliche Schwierigkeiten. Manchmal erhielt sie sogar Auftrittsverbot. Ständig musste sie befürchten, von der Gestapo abgeholt zu werden. Wir verabredeten deshalb, in bestimmten Zeitabständen miteinander zu telefonieren. Ich versprach ihr, sofort nach ihrem Verbleib zu forschen, sollte sie sich für längere Zeit nicht melden. Selbst als ihre »Lili Marleen« über den Soldatensender Belgrad – den sie übrigens nie persönlich besuchte – zu einem Welt-Hit wurde, blieben ihre Sorgen immer noch die alten.
Mancher wunderte sich, dass Lale Andersen auch später nie den Namen des Mannes preisgab, den sie liebte und für den sie viel riskierte. Sogar am Ende ihres Lebens, als sie ihre Lebenserinnerungen schrieb, konnte sie sich nicht entschließen, das Geheimnis zu lüften. Dabei war es schon kein Geheimnis mehr, denn viele wussten längst, wer dieser Mann war, den sie vielleicht mehr als jeden anderen verehrte: der berühmte Komponist Rolf Liebermann. Als der Krieg einige Jahre vorbei war und wir alle endlich etwas Boden unter den Füßen hatten, traf ich Lale wieder – auf einer Tournee. Außer Lale Andersen und nur waren Bully Buhlan, Helmut Zacharias, Cornelia (Froboess) und Magda Schneider dabei.
Magda Schneider, von Hause aus eigentlich Schauspielerin, hatte einen ziemlichen Bammel vor ihrem ersten Auftritt als Sängerin. Sie wollte »C’est ci bon« singen. Wir alle waren uns einig, dass wir Magda Schneider helfen mussten. Ich sagte zu ihr: »Du musst völlig gelassen bleiben. Sing dein Lied, und laß dich durch nichts aus der Ruhe bringen. Pass auf, wir singen einfach mit!« Alle Kollegen formierten sich zu einer Gesangsgruppe. Magda begann ihr »C’est ci bon«, und wir sangen im Chor quasi ihr Echo. Damals war das eine ganz neue Masche. Das Publikum hatte von dieser prominenten »Hilfsaktion« natürlich keine Ahnung und war von Magda begeistert.
Nach diesen turbulenten Gastspielreisen heiratete Lale Andersen in der Schweiz den Komponisten Artur (»Turi«) Reul. Ich war ihre Trauzeugin. Als ich meinerseits im Jahre 1954 auf dem Standesamt erschien, um Josef Niessen zu heiraten, war Lale ebenfalls da - als meine Trauzeugin. Sie war für mich wie eine große Schwester. Wenn wir auf Tournee waren, machten wir immer weite Spaziergänge. Unterwegs legten wir meistens eine Pause in einer Konditorei ein. Sie liebte Kaffee und Kuchen. Ich auch! Dann konnte man bei ihr sein Herz ausschütten. Ich beichtete ihr meine sämtlichen Probleme. Sie hörte aufmerksam zu, war sehr verständnisvoll und wusste immer Rat. Doch ihr selbst blieb es trotz aller Klugheit und Lebenserfahrung versagt, ihre größten Wünsche zu erfüllen. Die Ehe mit »Turi« Beul brachte nicht das erhoffte Glück. Beide trennten sich, ließen sich jedoch nie scheiden.
Übrigens war da noch etwas, das Lale Andersen nicht einmal guten Freunden gegenüber zugab: Wie krank sie seit Jahren war und wie sehr sie unter dieser unheilbaren Krankheit litt. Immer wieder wurden Blutübertragungen gemacht, um sie am Leben zu erhalten. Und obwohl die Abstände zwischen den lebensrettenden Infusionen immer kürzer wurden, schonte Lale sich wenig und erledigte weiterhin ein großes Pensum: Bühnengastspiele, Schallplattenaufnahmen, Fernsehauftritte. Es war in dieser Zeit, als sie ihre Erinnerungen niederzuschreiben begann. Das beschäftigte sie mehr als alles andere; sie wollte es um jeden Preis noch zu Ende bringen. Als sich ihr Leben dem Ende zuneigte, sagte sie alle öffentlichen Auftritte ab und konzentrierte sich noch intensiver auf ihr Buch »Der Himmel hat viele Farben«. »Ich komme mir wie ein Schwimmer vor, der das andere Ufer vor sich sieht«, sagte sie mir in einem Telefongespräch. »Ich muss es noch schaffen, ich muss es erreichen.« Sie schaffte es. In ihrer Geburtsstadt Bremerhaven stellte sie sich dann der Presse, dem Rundfunk und dem Fernsehen, um ihre Memoiren zu präsentieren. Der Untertitel des Buches lautete: »Leben mit einem Lied«. Damit meinte sie »Lili Marleen« [...]