Interview 1957
 
 

(aus: »Star Revue« Nr. 25, Jahrgang 1957)

Lale Andersen, die mit dem Lied »Lili Marleen« Weltruhm errang, wandelt auf neuen Wegen: Mit den Songs der »Dreigroschen-Oper« ist sie bei Bertelsmann auf Longplay zu hören. Hier berichtet sie über ihre erste Begegnung mit Rolf Liebermann.

»Zu mager!«

Ich traf ihn nicht nur einmal. Ich traf ihn oft. Wo immer in den letzten Jahren ein musikalisches Ereignis in der Luft lag, war auch er: Rolf Liebermann. Nicht selten hieß das musikalische Erlebnis: Liebermann – so auch dieses Jahr in Salzburg. Seine Molière-Oper »Schule der Frauen« war der Höhepunkt der Festspiele.
 
Meine erste Begegnung mit Liebermann (von seinen Freunden kurz »Liebi« genannt) hatte ich 1934. Ich spielte damals als Anfängerin am Zürcher Schauspielhaus. Und wenn es nichts zu spielen gab, sang ich mir Miete, Bücher und Frühstück in den Kabaretts der Stadt zusammen. An einem solchen Abend fühlte ich mich, verärgert, in der hingebenden Gestaltung eines Hafenmädchen-Schicksals gestört. Schuld daran war ein junger Mann, der mit sehr suggestiven blauen Augen abwechselnd in mein Gesicht und in sein Notenheft starrte. Später stand er mit einem befreundeten Ehepaar und einem Auto am Bühnenausgang. »Liebermann« stellte er sich vor und fuhr gleich fort: »Sie essen nicht genug. Sie sind zu mager. Sie singen auch nicht das Richtige. Auch das ist zu mager. Wir wollen das sofort ändern! Bei meinen Freunden gibt es ein gutes Abendessen und von mir zwei Kompositionen für Sie!« Er spielte mir nicht nur seine erste Brecht Vertonung von Brechts »Ballade der Hanna Cash« und Ringelnatz’ »Sauerampfer« vor, sondern saß volle fünf Stunden am Klavier. »Musikstudent?« fragte ich. Liebermann, Sohn eines Zürcher Rechtsanwalts, schnitt eine entrüstete Grimasse. »Mein gutes Kind«, sagte er in der verzeihlichen Arroganz aller Zwanzigjährigen, »Sie stehen vor einem der größten Schweizer Finanzgenies! Inhaber der soeben gegründeten X-Y-Z-Compagnie!« Mir imponierte das Finanzgenie weit weniger als der Musiker. Seiner Umwelt muss es ähnlich ergangen sein. Die älteren Teilhaber seiner »Compagnie« wurden nämlich immer reicher – Rolf immer ärmer! Ein Berliner Emigranten-Kabarett, das er auf mein optimistisches Anraten von Amsterdam nach Zürich holte und für dessen Gagen er bürgen musste, gab seinem Konto dann den Rest. Nicht aber seinem Humor und seiner Musikbesessenheit. Er wurde Assistent bei Scherchen, leitete das große Studio-Orchester von Radio Beromünster, schrieb seine erste Oper »Leonore 45« und rückte als moderner Komponist mehr und mehr in den Vordergrund.
 
Mit Göndi, seiner reizenden, jungenhaften Frau, ist Rolf Liebermann heute überall zu Hause, wo Musikbesessenheit, Gastlichkeit und Humor Menschen zusammenführt. Vielleicht treffen Sie ihn mal?

Autor unbekannt