1933–42
 
L
ale Andersen unter dem Nationalsozialismus
 
 

Um die Weihnachtszeit 1932 begegnet Lale Andersen, deren neue Adresse gerade München, Hofgartenspiele Annast lautet, dem bekannten und tüchtigen Rechtsanwalt Dr. Alfred "Fredy" Strauß. Sie ist begeistert von ihm: "Sie sind in meinen Augen eine Mischung aus bayerischer Offenheit, männlicher Kraft, menschlicher Reinheit und jüdischem Intellekt, Fredy. Gerne möchte ich Ihr Angebot annehmen, mit Ihnen über Weihnachten in die Berge zu fahren." Weihnachten regnet es leider, und anstatt sich bei winterlicher Sonne etwas zu erholen, sitzen die Gäste in der Hotelhalle herum. Dem verständnisvollen Freund Dr. Strauß vertraut sie an, daß das Singen von Chansons ihr immer wichtiger wird, der Wunsch, Theater zu spielen, dagegen unwichtiger. (Litta Magnus-Andersen, S. 32)

Lale Andersen lebt (recht unbeeindruckt von den politischen Geschehnissen) ihren Stil auf der Bühne und im Alltag unvermindert aus: Sie trägt Bubikopf, schlüpft für ihre Seemannslieder in Matrosenkluft und singt Tucholsky, Kästner, Brecht/Weill, kurz, alles was ihr gefällt. Im Sommer 1933 schreibt sie dann in ihr Tagebuch: "Nach meinem Auftritt im Hamburger Kaffeehaus Vaterland wird zum erstenmal, solange ich singe, an meinen Chansons korrigiert! Das eine sei zu übermütig, das andere sei verdächtig sozial, das dritte von einem jüdischen Autor. Wird alles verboten. Alles Protestieren, alle Empörung nützen nichts. Selbst die Rockhosen, die ich drei Jahre auf der Bühne tragen durfte, sind ab sofort verboten. Jetzt muß ich im Abendkleid auf der Bühne stehen und fades Zeug singen. Ich werde den Vertrag lösen. Wie das allerdings menschlich und finanziell zu bewältigen ist, davor bangt mir sehr". (Litta Magnus-Andersen, S. 38)

Der Portier des Münchener Regina-Palast-Hotels empfängt ein paar Wochen später die junge blonde Künstlerin und teilt ihr aufgeregt mit, daß der bekannte Strafverteidiger, Rechtsanwalt Dr. Strauß, am 1. Juli im KZ Dachau erschossen wurde. Diese Mitteilung trifft sie völlig unerwartet; auch als ihre Freunde im Annast, einschließlich Frau Annast, es ihr ebenfalls bestätigen, kann sie es kaum glauben. Mit Fredy Strauß hatte sie ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis. "Es ist einfach unfaßbar. So sinnlos." Sie erinnert sich, daß einige Kollegen vom Simpl des öfteren behauptet hatten, der Anwalt sei ein Angeber, ein Schürzenjäger. Nun soll er tot sein, umgebracht..., sie versteht es immer noch nicht, wird es auch nie begreifen. Ihre Meinung, wie gewohnt frei und unbeeinflußt zu äußern, auch ihre politische, schien Lale-Liselotte auf einmal riskant zu werden. Ihre Freunde hatten sie beim letzten Besuch in Zürich bereits gewarnt. (Litta Magnus-Andersen, S. 38)
 
Im Juli 1937 befindet sich die Künstlerin in München, wo im Festrausch das Haus der Deutschen Kunst eingeweiht und ebenso die berüchtigte Ausstellung Entartete Kunst gezeigt wird. Im Tagebuch notiert sie: "Die Bilder, die man fürs Haus der Deutschen Kunst angekauft hat, sind zum Teil so durchschnittlich und unter dem Durchschnitt, daß man in Scharen anschließend in die Ausstellung Entartete Kunst strömt, berauscht und andächtig vor Corinths Walchensee-Landschaften steht oder auch vor einer dunkelgrünen Abendlandschaft von Marcks. Plötzlich schämt man sich, daß diese Leinwandflächen, vom berauschten, andächtigen Auge Corinths gesehen und von seiner genialen Hand gemalt, den Begriff entartet tragen -- und die blutarmen, zurechtgepinselten Akte Adolf Zieglers den neuen Begriff Deutsche Kunst verkörpern sollen." (Litta Magnus-Andersen, S. 65)
 
Im Herbst 1939 schreibt sie ins Tagebuch: "Es ist Krieg. Ich kann mich weder an das furchtbare Wort, noch an die entsetzliche, zur Wahrheit gewordene Tatsache gewöhnen. Wohl dem, dessen Leben immer Selbstdisziplin und Tapferkeit erfordert hat: Wir haben es jetzt leichter als die anderen, die plötzlich dieses andere Leben begreifen sollen. Was aus den Kindern, Pasche und mir wird, entscheidet die nächste Woche. Wahrscheinlich muß ich Paschi fürs Militär hergeben und den Beruf der Sängerin mit dem einer Schalterbeamtin oder ähnlichem vertauschen. Hoffentlich kann ich die Jungens [Björn und Michael] bei mir haben und für sie sorgen." (Litta Magnus-Andersen, S. 92)
 
Als eine der ersten Künstlerinnen ist Lale Andersen vom SS-Gruppenführer Hans Hinkel der Reichskulturkammer zu Auslands- und Fronttourneen "abkommandiert". Etliche Wochen verbringt sie im besetzten Dänemark und singt hauptsächlich vor den Besatzungstruppen; doch als ihr Ruf als Chansonsängerin bekannter wird, engagiert sie Lulu Ziegler für ihr Kopenhagener Kabarett, wo sie im Februar 1941 auch Asta Nielsen hört und ihr nach der Vorstellung hinter der Bühne beteuert, wie sehr sie sich an Lales Liedern erfreut habe. In Dänemark wird ihr Wunsch nach einem internationaleren Repertoire größer. -- Auf Lale wartet im März 1941 ein Engagement in Willi Schaeffers' Berliner Kabarett der Komiker. Sie mag noch gar nicht an den Abschied denken, an die ungewisse Zukunft, die in der Reichshauptstadt auf sie wartet. Die Kinder, Paschi, Haushalt... alles gehört zu einer anderen, harten, realistischen Welt. Ob man sich wieder einleben kann? Hier, in Dänemark, werden ihr keine Vorschriften gemacht. In Deutschland herrscht ein ganz anderer Ton, hat man sich unterzuordnen, der politischen Situation anzupassen. "Ob ich dazu fähig bin? Ich muß doch sagen können, was ich will. Ich will durch Selbstdisziplin mein Ziel erreichen und nicht durch mir aufgezwungene Disziplin anderer. Meine künstlerische Zukunft bereitet mir Sorge. Wie hoffnungsvoll hat es vor zehn Jahren begonnen in Berlin!" (Litta Magnus-Andersen, S. 104f.)