1932 / 1938
Norbert Schultze
(aus: Norbert Schultze: Mit dir, Lili Marleen. Die Lebenserinnerungen des Komponisten Norbert Schultze. Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich / Mainz 1995, S. 29 f.)
[...] Jawohl, auch die Liebe! Hier im »Groschenkeller« habe ich nämlich 1932 Lale Andersen kennen gelernt, die damals noch Liselotte Wilke hieß. Ich habe mich auf den ersten Blick in die kühle Blonde aus Bremerhaven verliebt, die unbekümmert erzählt, dass sie ihren Maler-Gatten und ihre drei Kinder verlassen hat, um in Berlin beim Theater Karriere zu machen. Sie ist eine aparte Erscheinung im schlichten weißen Rollkragen-Pulli: Sportlicher Typ mit Pagenkopf und schneeweißen Zähnen, hat ein offenes Wesen und ein sturmerprobtes Lächeln. Wenn sie spricht, hört man sofort die Waterkant mit dem s-teifen S-turm heraus. Und da sie entdeckt werden will, singt sie gern und freut sich über jeden Zuhörer, auch im »Groschenkeller« wo es ein altes Klavier und manchmal einen Pianisten gibt, der sich da einen Teller Suppe verdient. Sie singt, auch wenn kaum jemand zuhört, Volkslieder von der Küste und zuweilen auch ein literarisches Chanson.
Ich bin schon ihr treuester Zuhörer. Besonders das plattdeutsche »Dat du min Leevsten büst« rührt mich an. Da ich aber weiß, dass sie Mutter von drei Kindern ist und sicher einige Jahre älter als ich, habe ich ihr gegenüber große Hemmungen – aus Angst, ausgelacht zu werden. Unser Cerberus Messing hat das beobachtet und versucht auf seine Art, mir zu helfen. Eines Nachmittags sperrt er uns beide in der Küche des »Groschenkellers« ein, zwinkert mir anzüglich zu und schließt ab. Da sitzen wir nun schüchtern und verklemmt Hand in Hand auf dem schwarzen Wachstuchsofa zwischen Buletten und Kartoffelsalat, sprechen über Rilke und Walter Flex, über Max Schmeling und Elisabeth Bergner, und bis ich endlich näher rücke, um den ersten Kuss zu riskieren, platzt Messing herein, weil er mal wieder durchs Küchenfenster in den Hof flüchten muss.
Dass die Angebetete mich dann doch noch erhört hat und ich eine romantische Nacht in ihrem Mansardenstübchen verbringen darf, erscheint mir heute noch wie ein Wunder. Ich habe ihr dann aus Dankbarkeit ein Lied komponiert: »Die kleine Stadt« auf ein Gedicht von Walter Mehring. Sie ist ganz gerührt und hat es häufig gesungen. Aber bei aller Liebe bleibe ich unbestechlich kritisch und finde, dass Blandine Ebinger sowas besser trifft. Ich gehe sogar noch weiter: »Du bist wirklich ein besonders liebes Mädchen, Lilo, aber das Singen solltest du aufgeben. Mit deinem larmoyanten Genöle wirst du’s nie schaffen. Glaub’ mir, ich verstehe was davon!«
Gar nichts verstand ich, war noch viel zu unerfahren und spürte nicht, dass sie etwas anderes hatte, das wichtiger als Stimme ist: Persönlichkeit, Charisma. Wenn mir damals einer gesagt hätte, dass eines Tages diese Interpretin ein Lied von mir zum allergrößten Erfolg bringen wird, ich glaube, ich hätte ihn ausgelacht! Unsere kleine Liaison hat nun natürlich einen Knacks bekommen. Geschieht mir ganz recht: So uncharmant und arrogant darf man ungestraft nicht sein!
In ihren 1972 veröffentlichten Memoiren »Der Himmel hat viele Farben« hat Lale unsere Begegnung von 1932 ganz ausgelassen, dafür eine von 1938 geschildert, die überhaupt frei erfunden ist. Darin hängt sie mir sogar ein Partei-Abzeichen an: Alles »Andersens Märchen«, wie ihre Freunde später das Buch nannten, das gar nicht sie selbst geschrieben hat, sondern ein ghostwriter, der den Auftrag hatte, sie um einige Jahre jünger zu machen und dabei die Jahre und Ereignisse durcheinanderbrachte.« [...]
(ebenda S. 58 ff.)
Jan Behrens erzählt von »seiner« Shanty-Sendung einmal im Monat im Deutschlandsender, die er wohl verlieren wird, denn er weiß keine Shanties mehr. »Ich brauch’ neue Seemannslieder; aber wer schreibt mir die?« Ich habe schon verstanden. »Wenn ich dafür geeignete Texte bekomme, Jan – gerne!«
Eine Woche später, wieder nach einer Probe: Gleicher Schauplatz und gleiche Runde. Jan hat inzwischen Texte für Seemannslieder besorgt: »Kleine Hafenorgel« – Gedichte von Hans Leip. Titelblatt: Ein Matrose, der Schifferklavier spielt, genannt »Hafenorgel«!
Ich blättere drin und lese ... und vergesse alsbald die Kameraden ringsum und den »Groschenkeller« und spüre den Duft von Meer und Häfen, von Schiffen und Wind und bin wie bezaubert vom Rhythmus dieser Sprache, von der Form dieser Gedichte ... Während die anderen weitersprechen, lachen und erzählen, bin ich schon am Klavier und spiele ohne langes Nachdenken so vor mich hin eine kleine, ganz einfache Melodie ... Ich sollte mir das notieren, aber ich habe nichts zum Schreiben, na ja, werde es sicher auch so behalten [...]
Durch Zufall erfahre ich, dass Liselotte Wilke, meine alte Freundin, es nun doch geschafft hat: Im »Kaiserhof« (Blatzheim-Betriebe) in Köln tritt sie erfolgreich unter dem Pseudonym Lale Andersen auf. Der werde ich gleich meine »Hafenorgel«-Lieder schicken und schreibe ihr dazu: »Liebe Lilo-Lale! Hoffentlich bist du mir nicht mehr böse wegen damals vor sechs Jahren! Schau mal, ob du von diesen kleinen Liedern eines singen magst. Darüber würde sich herzlich freuen – dein alter Freund Norbert, inzwischen nun auch Familienvater mit drei Kindern, so wie du!« Natürlich habe ich nicht im Traum an »Lili Marleen« gedacht, sondern an »Wenn du weißt« (sic!) oder »Drei rote Rosen«. Bin gespannt, ob sie überhaupt antwortet. Wir werden ja sehen. [...]
In Berlin ruft mich Lale aus Köln an: »Schalte am Sonntagabend Langenberg ein (die Langwelle des Westdeutschen Rundfunks), dann kannst du mich singen hören, lass dich überraschen!« Wir sind gespannt – und was hören wir? »Lili Marleen«! Lales Stimme unverwechselbar, mehr Vortrag als Gesang, jedenfalls ohne falsches Sängerinnen-Vibrato, volkstümlich unsentimental. Sicherlich besser als ein Bariton oder Tenor con amore.
Einige Stellen hat sie rhythmisch leicht verändert – aus Versehen? Ich muss ihr schreiben. Und natürlich mich bedanken, vergesse es aber, da sich die TOBIS wieder bei mir meldet [...]