Hans Leip
Richtigstellende Bemerkung zu Lili,
zu Marleen und zum Lied Lili Marleen
(aus: Das Hans Leip Buch. Erinnerungen, Gedichte, Gedanken, Erzählungen.
Ernst-Kabel-Verlag, Hamburg 1983. S.78 ff.)Es war niemals ein Kriegslied, sondern nur ein Lied im Krieg, war nur ein Liebeslied und hat darum allen Krieg überdauert. Die Engländer spotteten, die deutsche Heeresleitung habe »General Lili Marleen« zur Schwächung der feindlichen Kampfkraft eingesetzt. Denn wenn der Belgrader Sender abends das »Lied eines jungen Wachtpostens« ausstrahlte, schwiegen die Waffen. Allerdings auf beiden Fronten. In Wahrheit hatte die Naziführung nichts für die »weiche Welle« übrig. Auch für den Verfasser nicht. Er galt als Defaitist, zumal nachdem er 1943 seine offenkundige Ballade »Lied im Schutt« dem ›Simplicissimus‹ anvertraut.
Goebbels soll eigenhändig die Matrize der Platte Lili Marleen vernichtet haben. Aber es gab ein Duplikat, das wurde über die Schweiz nach London gerettet. Das Lied ließ sich weder vernichten noch verbieten, obschon die Hitlerjugend es gelegentlich mit dem Marsch »Es zittern die morschen Knochen« niederzubrüllen versuchte. Als die sprunghafte Verbreitung auch im Ausland nicht mehr auszuhalten war, gedachte der Reichspropagandaminister einen Film daraus zu machen. Es wurde nichts. Mich daran zu beteiligen, hatte ich abgelehnt.
Überhaupt war mir nicht wohl, mein allerprivatestes kleines Gedicht in die Allgemeinheit gerissen zu sehen. Ich war mit einer Absturzverletzung aus der Karpatenhölle davongekommen, und ich zögerte rund zwei Jahrzehnte später, als schon die Ahnung neuer Massengräber über Europa hinaufschwelte, das makabre Lied in meine erste Gedichtsammlung der »Hafenorgel« aufzunehmen. War es mir doch bei der Entstehung allzu sehr an die Kehle gegangen, April 1915, auf Wache vor der Kaserne der Gardefüsiliere zu Berlin, in der frostigen, von einer Straßenlaterne durchschimmerten Nacht vorm Abmarsch zur Schlachtbank ins Feld. Und ich war verliebt in zwei höchst ehrbare Mädchen, die jung waren wie ich, kaum zwanzig. Die eine, Lili, war Helferin in einem Gemüseladen. Die andere, Marleen, Tochter eines Arztes, war Helferin in einem Lazarett.
Im BBC London hatte jemand zynisch behauptet, bei Lili Marleen handle es sich um ein Strichmädchen. (Der Teufel soll diesen Jemand holen!) Tommie Connor, ein gängiger Texter, wurde beauftragt, die Übersetzung auf Braut, Mutter und Freundin zu frisieren, was er dann nach einem Gebet auch glaubte, bewerkstelligt zu haben. Den ursprünglichen Hauch des Liedes vermochte er nicht zu zerstören.
Worin nun liegt das Geheimnis der weltweiten Verbreitung in über fünfzig Sprachen und dem Nachhall ein halbes Jahrhundert lang und mehr? Man könnte erwähnen, es entstand aus einem gepressten Herzen und wirkte dadurch wie eine Fontäne. Was war denn der Anlass gewesen? Verliebtheit, Lebenshunger und Todesfurcht, das zusammen ergab jene Bedrückung, die eine empfindliche Seele zu einem Ausweg drängte, der seit Urzeit sich als ermunternder und beruhigender Singsang anbietet. So etwa zwischen Wiegenlied, Shanty und Choral, zwischen Belastung und Genuss, Genuss an der Belastung und Trauer über die Flüchtigkeit allen Genusses. Oder krasser: Zwischen Hochzeitsreigen und Totentanz.
Hinzu kam bei mir der Begriff des Wiedergängers, der an der Küste zu Haus ist. Wer auf See oder an Land wo immer hat verlöschen müssen, er kehrt gespenstisch heim zu ihr, die er geliebt. Das mochte mir ein gelinder Trost sein, indes im Summen meiner eigenen Melodie die Namen der beiden Holden in eins verschwammen und in einem neuen Weltkrieg ohne mein Zutun zum Sehnsuchtssymbol für viele wurden, getragen nun von den wehmütigen Drehorgelnoten Norbert Schultzes und der Stimme Lale Andersens, die, anders als das übliche Gegurre der Schlagersängerinnen, nach Seewind, Schwarzbrot und Katenrauch schmeckte. Merkwürdig, Soldatenworte durch Mädchenmund übermittelt, ohne der Fantasie Abbruch zu tun, aus der Darreichung den Geliebten oder die Geliebte herauszuhören.
Die seltene Übereinstimmung von echter Lyrik, Vertonung und Vortrag ergab, so sagte John Steinbeck, für ihn das schönste Liebeslied aller Zeiten. Und General Eisenhower, der 1945 in Tirol den Dichter kennen lernen wollte, der aber schon im Bett lag, als der Adjutant der ›Rainbow Division‹ ihn holen wollte, sagte: Lassen wir ihn schlafen, ist er doch der einzige Deutsche, der während des Krieges der ganzen Welt Freude bereitet hat. — Und der geniale Psychologe und Schriftsteller Herbert Fritsche meinte: Dieses Lied erwies sich als grenzenlos und völkerverbindend. Es war schlicht menschlich verständlich für jedermann und atmete Frieden, Heimweh, Ergebung ins Schicksal, Liebe und Todesbangen, was alles seit alters und ewig geeignet ist, Herzen zu bewegen. Ein Volkslied? Ja, ein Völkerlied.
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»Und Ihre eigene Melodie?« fragte mich eine Dame: »Verweht, verschollen und vergessen?« — Nur einmal wurde sie gesungen, zu viert auf dem Mietzimmer dritter Stock Chausseestraße, wo zwei von uns während des Offizierkursus wohnten. Wir feierten Abschied, wenige Stunden vorm Abtransport, und Lili holte Flaschenbier aus dem Gemüsekeller. Da gab ich zum besten, als sei es ein alter Gassenhauer, und dann erscholl es gemeinsam und übertönte die Straßenbahnen, deren Geräusch wie Feuersalven heraufknatterte.
Und noch einmal hab ich mich überreden lassen, als nämlich fünfzig Jahre später ein Fernsehstreifen über die Geschichte des Liedes gedreht wurde. Norbert Schultze begleitete meinen Bass auf unserm kleinen Spinett. Und lächelte dann: »Hätt ich das vorher gekannt …« Das war höflich gemeint. »Und die beiden Mädchen Lili und Marleen?« fragte die Dame weiter: »Hat man sie nie interviewt?« — Man hat sie sogar durch Zeitungsanzeigen gesucht. Es sollen sich rund zwohundertfünfzig gemeldet haben. Ich selber aber habe die beiden nie wiedergesehn.